Interview mit Storyteller Thomas Pyczak

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Zuerst interviewte Autor und Storytelling-Experte Thomas Pyczak mich für seinen Blog, nun kommt die Retourkutsche. Thomas Pyczak hat den äußert erfolgreichen Ratgeber TELL ME! veröffentlicht, er ist gefragter Vortragsreisender und Trainer in Sachen Storytelling und kann wie kaum ein anderer über die Vorteile des Erzählens Auskunft geben. Here we go …

Wie wird man eigentlich ein Storytelling-Experte?

Es gibt viele Wege. Meiner führte mich über ein Literatur- und Philosophiestudium in den Journalismus und von dort aus in das Verlagsmanagement. Ich stieg 2014 aus, um Bücher zu schreiben. Romane. Meinen Storytelling-Blog www.strategisches-storytelling.de startete ich 2016. Eine Nebentätigkeit, die mir Spaß machte. Daraus wurde ein Buch, das jetzt schon in zweiter Auflage erschienen ist. Daraus wurden Workshops, Trainings, Consulting-Aufträge. Da ist gerade eine große Nachfrage. Was ich gut verstehen kann, denn Business Storytelling ist eine Schlüsselqualifikation für jeden, der überzeugend kommunizieren möchte.

Wendet man es strategisch an, entwickelt Storytelling enorme Hebelkräfte. Zum Beispiel wenn es darum geht, eine Mission so zu formulieren, dass sie jeder Mitarbeiter versteht und ihr gern folgt. Oder wenn es darum geht, die Erkenntnisse, die wir auf Basis der Analyse von Daten gewinnen, aus einem Modell zurück in die Realität zu übersetzen. So dass die Nicht-Datenexperten verstehen, was zu tun ist und welche Entscheidungen zu fällen sind.

Warum ist es so wichtig, mit Storytelling zu überzeugen – und wer kann davon profitieren?

Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder von Storytelling profitieren kann. Es hilft Menschen, ihre Ziele zu erreichen: dem Geschäftsführer, der Verkäuferin, dem Experten, der Wissenschaftlerin, dem Auszubildenden, der Gründerin. Storys überzeugen auf eine weiche, unaufdringliche Art. Darin liegt ihr Charme. Mit Story meine ich übrigens nicht notwendig eine ausführliche Geschichte à la Hollywood, also ein Held will ein Ziel erreichen und muss dafür eine Reihe von Hindernissen überwinden.

Auch eine Metapher kann eine Story sein, eine gefrorene Story, die im Kopf des Zuhörers aufgetaut wird. Elektromobilität ist Ketchup in der Flasche. Wir wissen, dass es kommt, aber nicht wann und in welcher Menge. Versteht jeder und zwar lebhaft. Ein Zitat übrigens von Daimler-Chef Dieter Zetsche. Auch ein Claim kann eine Story erzählen. Oder Millionen Storys. „Wir schaffen das.“ „Yes, we can.“ „Sí, se puede.“ Bei jedem läuft eine individuelle Geschichte ab, aber die Storyline ist die gleiche. Eine positive Geschichte.

Ein Bild kann eine Story erzählen: Wenn Steve Jobs das MacBook Air bei seiner Einführung aus einem Briefumschlag zieht, dann braucht er nicht mehr viel zu sagen. Jeder kapiert: Es ist schlanker und leichter als jedes Notebook zuvor. Es ist cool. Dazu dann Steve Jobs glückliches Lachen bei der Produktpräsentation. Er weiß: Die Kraft dieser einfachen Story macht ihn zu einem Verkäufer, ohne zu verkaufen. Die Fakten sind wichtig. Die Produktqualität muss natürlich stimmen. Aber erst die Story macht das MacBook Air begehrenswert und besonders.

Wie würden Sie Ihren Ansatz des Lean Storytelling beschreiben?

Hemingway hat gesagt, „The first draft of anything is shit”. Genau darum geht es. Lean Storytelling bewegt sich von Draft zu Draft, von Entwurf zu Entwurf. Wie Hemingways Texte. Denn so werden sie immer besser. Nur sind wir ja keine Literaturnobelpreisträger und unser Storytelling ist vielleicht etwas mehr down to earth. Deswegen arbeiten wir nicht zurückgezogen-genial im Kämmerchen, sondern wir gehen auf die Straße. Wir folgen dem agilen Zirkel: schreiben, erzählen, lernen. Wir lernen von Start-ups. Es geht nicht um den perfekten ersten Wurf, sondern um Entwürfe, die Schritt für Schritt verbessert werden, wie in der digitalen Welt üblich.

Lean Storytelling folgt einem Kreis: zuerst die Vision, etwa einer Produktstory, die wird aufgeschrieben. Die Story wird verschiedenen Stakeholdern oder möglichen Kunden erzählt, das Feedback notiert und genutzt, um zu lernen, um die Produktstory anzupassen. Und so weiter. Bei CHIP Digital haben wir so gearbeitet. Es ist erstaunlich, wie schnell Produkte Fortschritte machen. Beim Storytelling funktioniert dieses Verfahren auch sehr gut, weil man sich sonst verkrampft und vielleicht weltfremd wird. So aber bleibt man immer im Kontakt mit dem Zielpublikum. Das ist elementar für den Erfolg.

Ihr erfolgreiche Ratgeber TELL ME! liegt in der zweiten Auflage vor. Was hat sich geändert?

Die zweite Auflage wurde um ca. 30 Seiten erweitert. Wir haben uns das Leserfeedback angesehen, die Amazon-Rezensionen, die Kommentare von Freunden und Kollegen, die Buchkritiken in den Medien. Wir haben gelernt, dass das Buch von vielen wie ein Handbuch genutzt wird. Sie wünschten sich: Bitte noch mehr Praxis, damit wir besser verstehen, wie wir die Story Tools anwenden. Genau das haben wir gemacht. Es gibt jetzt eine neue Rubrik, „Aus der Praxis“ mit ganz konkreten Anwendungen, meist basierend auf meiner Erfahrung als Trainer und Consultant für strategisches Storytelling.

Dazu gibt es zwei neue Kapitel. Eins befasst sich mit Storytelling-Fehlern und wie man sie überwindet. Ein weiteres mit einem Grundbaustein für Storys, den Archetypen. Wer sie versteht, kann viel einfacher Figuren entwickeln, aber auch Unternehmen oder Produkte in der Tiefe verstehen.

Warum lohnt es sich, auch manchmal zu schweigen?

Gute Business Storyteller beherrschen die Kunst des Schweigens. Sie wissen, dass Schweigen manchmal die beste Story erzählt. Sie lernen von der Musik. Der Komponist Claude Debussy sagte: „Musik ist die Stille zwischen den Noten.“ Storys sind nichts anderes als die Stille zwischen den Sätzen. Worte und Stille gehören zusammen, wie zwei Seiten einer Münze. Erst die Stille gibt in einem Vortrag den Worten Gewicht.

Die Stille in einer Verhandlung kann die stärkste Geschichte erzählen. Es ist eine Geschichte, die die Gegenpartei hört, obwohl kein Wort gesprochen wurde. Hemingway sagt: Die Kunst besteht im Auslassen, im Schweigen, im Nicht-Nennen von Dingen. Andeuten reicht. Die Story ist wie ein Eisberg, der größte Teil von ihr ist unter Wasser.

 

TELL ME! von Thomas Pyczak

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