StoryThinking III: Reise des Helden

StoryThinking III: Reise des Helden

So viel wurde schon über the hero’s journey gesagt und geschrieben. Klar, nahezu alle großen Hollywood-Produktionen orientieren sich noch immer daran – vor allem, wenn viel Geld auf dem Spiel steht und das Risiko minimiert werden will. In der Therapie und im Coaching von Karrieren spielt die Reise des Helden eine große Rolle. Aber haben wir schon die ganze Kraft dieses Modells verstanden? Was ist mit wirtschaftlichen Zusammenhängen?

Joseph Campbell und seine große Entdeckung: Die Reise des Helden

To begin with the beginning: Joseph Campbell war eine faszinierende Persönlichkeit. Sein Lebenswerk bestand darin, sämtliche Mythen und Märchen nahezu aller Kulturkreise und Völker zu erforschen, angefangen von den ersten Höhlenmalereien bis zu modernen Erzählformen des 20. Jahrhunderts. Campbell fand etwas Ungeheuerliches heraus, nämlich dass diese Tausenden und Abertausenden Erzählungen bei aller Variation ein Grundmuster haben, das er the hero’s journey, die Reise des Helden genannt hat. Der Einfluss dieser Erkenntnis Campbells war sehr groß. George Lucas half Campbell zum Beispiel, seine Star Wars-Drehbücher fertig zu schreiben. Aber die Heldenreise ist nicht nur bis heute das zentrale Bauprinzip etlicher Blockbuster, Romane oder Werbefilme. Wenn man einmal die Psychologie der Heldenreise durchdrungen hat versteht man, dass es hier um ein menschliches Erzählen geht, um bestimmte Entwicklungsmuster, die wir alle mit unseren Biografien durchlaufen. Das Verlassen des Elternhauses, der Einstieg in den Beruf, das Gründen einer Familie oder einer eigenen Firma, das Elternwerden, das Altwerden. Wir alle stehen regelmäßig vor den Schwellen zu einer neuen Entwicklungsstufe, und die große Frage ist immer, ob wir die Schwelle überschreiten, lernen und Erfolg haben werden.

 

Reise des Helden nach Campbell/Vogler aus: StoryThinking (Copyright by Franz Vahlen 2018)

Reise des Helden nach Campbell/Vogler aus: StoryThinking (Copyright by Franz Vahlen 2018)

Was wir hier sehen, ist die Struktur eines Wagnisses. Das Abbild einer Reise auf der Suche nach Glück, Sinn, Harmonie oder Erfolg. Häufig in unserem Leben, und das gilt für den Einzelnen wie für Unternehmen oder Organisationen als Ganzes, erschallt ein Ruf, der uns dazu ermahnt, die nächste Entwicklungsstufe anzugehen, auf den nächsten Level zu kommen, uns dem Wandel auszusetzen. Dass wir uns erst einmal weigern, ist dabei ganz normal. Man fühlt sich wohl im Status quo, ist doch alles in Ordnung, wir ignorieren die Signale. Und Veränderung tut für gewöhnlich weh, ist anstrengend, der Ausgang ist ungewiss. Es bedarf deshalb manchmal starker Kräfte, etwa gewiefter Mentoren mit guten Geschichten, damit der Schwellenübertritt gelingt.

Die Reise des Helden als Modell menschlicher Entwicklung

Einmal in der anderen Welt der Herausforderung angekommen, muss man viele, wenn nicht alle Regeln neu lernen. Man braucht dafür Verbündete und dringt langsam zur tiefsten Höhle vor. Hinter dieser merkwürdigen Formulierung steckt tiefenpsychologisch gesprochen, dass es ans Eingemachte gehen wird. Man stellt sich dem Schatten, dem Zentrum des Konflikts, der elementaren Entwicklungsaufgabe. Wenn man das geschafft hat, winkt eine Belohnung, und dramaturgisch gesehen könnten Sie sagen: „Das war doch jetzt der Höhepunkt, warum sind wir erst bei der Hälfte des Kreislaufes angelangt?“

Weil die Rückkehr das Entscheidende ist. Man könnte es sich wiederum in der anderen Welt der Veränderung bequem machen, aber das reicht nicht. Es gilt, das Elixier, die neue Erfahrung, die neuen Skills alltagstauglich zu machen, nach Hause zu bringen, sie anderen zu vermitteln, damit möglichst viele davon profitieren. Aus den Helden werden Mentoren. Daher ist der zweite Schwellenüberschritt so elementar, und erst hier entscheidet sich, ob die Heroen gereift und bereit sind, die Einseitigkeiten des Egos hinter sich zu lassen.

Es ist wunderbar zu sehen, wie sich dieses Erzählmodell in verschiedenen unternehmerischen Kontexten immer stärker durchsetzt:

Unternehmen: Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten

In meinem Buch StoryThinking ist die Reise des Helden ein elementarer Baustein, um an seinem Storyversum zu arbeiten. Es dient dabei sowohl bei der Analyse der eigenen Geschichten (Gründungsmythos, Mitarbeitergeschichten, User Journeys), aber auch bei der Gestaltung und Umsetzung von eigenen Erzählungen etwa für die Webseite oder für einen Imagefilm.

Hier noch einige andere Beispiele von Ansätzen und Methoden, die exlizit oder implizit auf die Reise des Helden zurückgreifen:

Business-Hero (Angelika Höcker): Entwicklung des Einzelnen, Karrierecoaching

Heldenprinzip® (Lumen): Change-Management

Interne StoryTelling-Prozesse: Marken und Identitätsarbeit, Unternehmensentwicklung, Mitarbeitergeschichten (z. B. kleine Heldenreise von B-onfire)

Entwicklung von (fiktionalen) Image-Filmen, Markengeschichten (Jung von Matt für EDEKA …)

Dennoch steht vieles noch am Anfang, und es wird noch etliche Gelegenheiten geben, von diesem Modell zu profitieren und es erfolgreich anzuwenden. Mit der Reise des Helden haben wir einen Kompass, um unternehmerische Prozesse auf der so schwer greifbaren Ebene der Erfahrungen und Emotionen zu steuern und Kunden für eine Marke nachhaltig zu gewinnen.

To be continued …

Jede gute Geschichte aber braucht auch gute Figuren, starke Charaktere, und damit wären wir beim zweiten Teil der Grundlagen eines menschlichen Erzählens, bei den sogenannten Archetypen, die auf Carl Gustav Jung zurückgehen. Davon demnächst mehr …

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