StoryThinking I: Resonanz durch Erzählen

StoryThinking I: Resonanz durch Erzählen

Wer zum Teufel ist Dr. Schiwago?

Habt ihr schon einmal von Dr. Schiwago gehört? Den Film gesehen oder gar das Buch von Boris Pasternak gelesen? Nein? Wisst ihr was, ich auch nicht. Dennoch hat sich mir dieser Titel eingeprägt, ich werde ihn meiner Lebtage nicht vergessen. Als wir früher, zehnjährig und mit Holzschwertern bewaffnet, durch den Wald gelaufen sind, war Dr. Schiwago immer unser Feind. Der Bösewicht. Der Erzschurke. Ich hatte den Namen im Bücherregal meiner Oma entdeckt, dick und fett prangte er auf dem Rücken eines Buches, das ich niemals zur Hand nahm. Dr. Schiwago hatte keine feste Gestalt, jeden Tag stellten wir ihn uns anders vor, je nachdem, was wir gerade cool fanden oder besser: wovor wir gerade Angst hatten. Doch eines Tages war alles anders, eines Tages spielte Il Chung Dr. Schiwago.

Storytelling und Adrenalin

Ich bin in einem Mehrfamilienhaus in der Nähe von Frankfurt am Main aufgewachsen, in einer Pendlerstadt, und in der benachbarten Reihenhaussiedlung wohnte Il Chung aus Südkorea mit seinen Eltern. Er hatte nicht viel mit uns zu tun, er ging nicht auf unsere Schule, die Mutter sprach kaum ein Wort Deutsch; der Vater war Ingenieur, glaube ich, sie lebten nur auf Zeit in Deutschland. Doch eines Nachmittags war Il Chung plötzlich bei uns, und für ihn blieb in unserer eingeschworenen Runde nur die Rolle des Bösewichts. Es gab da eine Baustelle, auf der wir gerne spielten, einen ansehnlichen Erdhügel, den gerade ein Bagger ausgehoben hatte, und Il Chung versteckte sich dahinter. Wir kämpften uns allmählich zu ihm vor, standen wie die Hobbits vor dem Schicksalsberg, bereit für die letzte große Auseinandersetzung. Und als Il Chung hinter dem Hügel hervorkam, laut brüllend, humpelnd, machten wir uns buchstäblich alle in die Hose. Natürlich hatten wir bisher Dr. Schiwago jedes Mal besiegt, aber an diesem Tag blieb nur noch die Flucht, wir rannten in alle Himmelsrichtungen davon.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil ich mich an diesen Tag, der 30 Jahre her ist, so gut erinnern kann, als wäre es gestern gewesen. Die Baustelle, der Hügel, mein Holzschwert, Il Chung und wie wir ihn später beglückwünschten, dass er der beste Dr. Schiwago sei, den wir je erlebt hatten. Ich habe mich lange gefragt, warum Augenblicke wie dieser so unvergesslich sind und wie sie überhaupt entstehen – und manchmal denke ich, mein Studium der Literatur und meine Autorentätigkeit dienten unbewusst nur dem Zweck, Antworten auf diese Frage zu finden. Die Antworten, die ich bisher fand, führen uns direkt zu meinem StoryThinking.

Resonanz durch Erzählen

Warum habe ich Il Chung alias Dr. Schiwago noch heute so lebhaft vor Augen? Weil ich damals Teil einer Geschichte war, Teil eines Abenteuers. Ich verspürte Resonanz zu meinem Umfeld, zu den Freunden, Vertrauen, und gleichzeitig einen großen Respekt vor der Aufgabe, vor dem Konflikt, den wir zu bewältigen hatten. Das alles war in unseren Kinderköpfen völlig real – und der Schrecken, den Il Chung uns einjagte, war nicht nur ein Abglanz, es war ein veritabler Schrecken, unsere Gehirne produzierten einen ansehnlichen Hormoncocktail. Wir waren voller Adrenalin, voller Emotion, voller Erleben und voller Story. Und das sind genau die Zutaten, warum wir uns etwas merken können, warum wir bestimmte Erlebnisse nicht vergessen. Geschichten formen uns auf diese Weise, und die wichtige Nachricht ist: Das hört im Erwachsenenalter nicht auf! Der Soziologe Hartmut Rosa hat für diese Zusammenhänge den Begriff der Resonanz stark gemacht, in einem noch dickleibigeren Buch als Dr. Schiwago. Dieses Buch Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung beginnt mit dem wunderbaren Satz: „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“ Denn das Gegenmittel zur Rasanz, Ungewissheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit unserer Tage ist vielleicht tatsächlich: Resonanz: Und die Kraft des Erzählens zu nutzen ist ein zentraler Weg dorthin.

Ich- und Weltbezug durch StoryTelling

Ich- und Weltbezug durch StoryTelling aus: StoryThinking (Vahlen 2018)

 

Das war der erste Streich: In loser Folge veröffentliche ich hier Ideen aus dem Buch StoryThinking, ohne natürlich die Lektüre des Buches ersetzen zu wollen und zu können 😉

 

 

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